„2030 wird es keine Checkout-Zone mehr geben“
Professor Carsten Kortum lehrt seit mehr als zehn Jahren an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Heilbronn, der größten Handelshochschule in Deutschland mit aktuell 650 Studierenden im Fach Betriebswirtschaftslehre-Handel. Neben seiner Lehr- und Forschungstätigkeit berät er Handelsunternehmen zu Themen entlang globaler Wertschöpfungsketten. Im Interview spricht er über die Veränderungen im Konsumverhalten und die Herausforderungen für den Lebensmitteleinzelhandel (LEH) in den kommenden Jahren.
Kältenews: Mit welchem Handelsthema haben Sie sich zuletzt intensiv beschäftigt?
Wir haben gerade in Kooperation mit Wanzl eine Studie zum Thema ‚Einkaufswagen der Zukunft‘ herausgegeben. Dieser Wagen wird seit 2017 in Märkten getestet, aber noch nicht deutschlandweit ausgerollt, obwohl ich prognostiziere, dass es ab 2030 keine Checkout-Zone im Supermarkt mehr geben wird. Denn vom Scannen oder Erkennen der ausgewählten Produkte bis zum Bezahlen kann der Einkaufswagen alles übernehmen. Man kann dann ganz ohne Checkout-Zone über eine Art Gate den Supermarkt verlassen. Und eine Erkenntnis unserer Studie war, dass die Akzeptanz der Bevölkerung für einen solchen digitalen Einkaufswagen relativ groß ist.
A propos Bevölkerung: Wie haben sich die gestiegenen Lebensmittelpreise auf das Konsumverhalten ausgewirkt?
Wir sehen, dass immer mehr Menschen Budgetprobleme haben, seitdem die Preise noch stärker als die Inflation gestiegen sind. Die Einkommen entwickeln sich zwar gerade auch positiv, bleiben aber noch hinter der Inflation zurück. Diese Menschen können sich häufig nur noch die Eigenmarken der Discounter leisten; sie kaufen ausschließlich nach Preis. Menschen mit mittlerem Einkommen mischen Marken-, Eigenmarken- und Promotionsartikel. Unter ihnen finden sich auch die sogenannten Schnäppchenjäger.
Wird sich das Konsumverhalten weiter verändern?
Ernährung gewinnt als Thema grundsätzlich an Relevanz. In der gesamten Bevölkerung steigt das Bewusstsein dafür, dass die Ernährung Einfluss auf das Wohlbefinden hat. So wird weniger Alkohol und Fleisch konsumiert. Ich gehe davon aus, dass Zucker künftig besteuert werden wird und dass wir uns insgesamt noch gesünder ernähren werden. Der LEH greift die Ernährungstrends schon sehr gut auf und bildet sie im Sortiment ab, um unterschiedliche Zielgruppen anzusprechen und in die Supermärkte zu holen.
Welche großen Themen werden die Lebensmitteleinzelhändler:innen künftig beschäftigen?
Die aktuelle Personalknappheit wird sich in ein paar Jahren noch verschärfen, wenn die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen. Dann stellt sich die Frage, wie diese Stellen neu besetzt werden können und auch, wie man diesen kaufkräftigen Teil der Bevölkerung für sich als Kund:innen begeistert. Meiner Meinung nach wirkt sich der Fachkräftemangel auf zwei Bereiche im LEH am stärksten aus, weshalb sich diese in Zukunft sehr verändern werden: die Checkout-Zone und die Frischetheken. Letztere sind das Aushängeschild der Einzelhändler:innen, damit stellen sie die Frische ihrer Produkte heraus und grenzen sich von den Discountern ab. Gleichzeitig sind sie sehr personalintensiv. Eine Herausforderung wird darin bestehen, sie auch in Zukunft aufrechtzuerhalten. Hier wird es mehr hybride Theken geben, die sich von Bedienung auf Selbstbedienung umstellen lassen und hinter denen nicht mehr an sechs Tagen in der Woche jemand steht, der die Konsument:innen berät. Und noch einen Schritt weitergedacht: Wird es hier künftig einen virtuellen Mitarbeitenden geben, der Tipps zum Fleisch und der passenden Zubereitungsart gibt? Im besten Fall kann die ‚Theke der Zukunft‘ nicht nur kühlen, sondern auch Interaktivität ermöglichen. Die Bildschirme, die gerade noch hinter den Theken hängen, könnten stattdessen vorne an den Theken interaktive Inhalte abspielen. Die Checkout-Zone habe ich ja schon angesprochen. Selfscanning-Kassen sind nur eine Übergangslösung, denn die wenigsten Menschen haben Lust, ihren Wochenendeinkauf selbst zu scannen. Der digitale Einkaufswagen ist hier eine Lösung – und er könnte sich auch mit der Frischetheke verbinden und über Produkte und Zubereitungen informieren.